Der Einfachheit halber legen wir die Opioidanalgetika übersichtlich für euch hier zusammen. Der Beitrag wird laufend erweitert. Indikationen und Nebenwirkungen sind als ident anzusehen und könnt ihr den Narkoseopioiden entnehmen, spezielle Einzelheiten werden bei den einzelnen Substanzen erwähnt. Nicht-Opioidanalgetika (NOPA) findet ihr hier. Wichtige Rezeptoren sind µ, κ, δ und neuerdings Nociceptin-Opioid-Rezeptor (NOPR). Die klassischen Opioide binden nicht an NOPR, jedoch ist ein Agonist in Entwicklung (Cepranopadol). NOPR wird v.a. bei Neuropathie hochreguliert. Oliceridin ist ein neues Opioid mit rezenter Zulassung, das einen Biased Agonist darstellt. Nach Bindung an Opioidrezeptoren erzeugt es weniger β-Arrestin, welches für Atemdepression und Obstipation verantwortlich gemacht wird.
Tramadol
Beginnen wir gleich mal mit der sinnlosesten Substanz der Gruppe, nämlich Tramadol. Seine Potenz beträgt ca. 0,1 vgl. zu Morphin und es wird häufig als Bindeglied zwischen NOPA und Opioid-Analgetika angesehen. Es gibt jedoch ein Problem: Tramadol halt extrem viele Nachteile, die ich hier aufliste:
- Suchtgefahr überwiegt analgetischen Benefit
- GABA-Antagonist (Epi-Gefahr)
- Kalium-Kanalblocker (LQT)
- Serotonin-Reuptakehemmer (Serotonin-Syndrom)
- Wirkung abhängig von CYP2D6
- ausgeprägtes NW-Potential
- häufig Therapieabbruch
Das alles macht Tramadol zu einer absolut verzichtbaren Substanz; eine Umbenennung in Tramadon’t erscheint ratsam (Link, Link, Link).
Morphin
Morphin ist Referenzsubstanz (Potenz 1) der Opioidgruppe und zählt zu den Opiaten, da es natürlicherweise im Schlafmohn vorkommt und daher primär keine synthetische Substanz darstellt. Es ist quasi der OG on the block. Seine Anwendung findet es wie die anderen Opioide in der akuten und chronischen Schmerztherapie (v.a. p.o., s.c., i.v., epidural, intrathekal) und erfreut sich weltweit nachwievor großer Beliebtheit. Als übliche intravenöse Initialdosis empfehlen sich 0,05-0,1 mg/kg (Erwachsener meist 2,5-5 mg), wobei eine Titration alle 5-10 Minuten erfolgen kann. Naloxon ist wie immer das Gegenmittel. Die inhalative Applikation zur Schmerztherapie könnte in Zukunft einen größeren Stellenwert spielen (Link).
Ich persönlich bin kein Fan von Morphin und nutze als Ersatz Piritramid oder Nalbuphin (s.u.). Dies hat folgende Gründe:
- potente Histaminfreisetzung (Exanthem, Bronchospasmus, Blutdruckabfall) -> dies z.B. besonders nachteilig bei respiratorischen Notfällen wie AECOPD
- i.v. Onset nach 5-15 Minuten, Erreichen des Peak nach 15-30 Minuten (dosisabhängig)
- Übelkeit und Erbrechen können in relevantem Ausmaß auftreten
- Kumulation von Morphin-6-Glucuronid (aktiver Metabolit) bei renaler Insuffizienz mit Gefahr der Atemdepression
Piritramid
Piritramid ist ein starkes Opioid-Analgetikum, das verglichen zu Morphin eine Potenz von 0,7 aufweist. Es ist vor allem in Österreich und Deutschland weit verbreitet und findet seine Anwendung insbesondere in der stationären oder postoperativen Schmerztherapie. Mittlerweile hat es auch in der Rettungsmedizin den Einzug gefunden. In der Regel verabreiche ich Piritramid fraktioniert i.v. in 3-5 mg Schritten alle 10 Minuten bis zur Schmerzfreiheit bzw. Maximaldosis von 15 mg. Naloxon ist das Gegenmittel.
Ich persönlich bevorzuge Piritramid gegenüber Morphin, da der Wirkeintritt wesentlich schneller ist (< 5 Minuten), der maximale analgetische Effekt früher erreicht wird (~ 10 Minuten), die Inzidenz an Bronchospasmus niedriger ist und es zu keiner Kumulation von aktiven Metaboliten bei Niereninsuffizienz kommt (Link). Die Hämodynamik wird als stabil beschrieben und die Wirkdauer beträgt mehrere Stunden. Somit bietet es sich auch zur Linderung von akuter Luftnot beispielsweise im Rahmen einer aeCOPD an. Der subcutane Applikationsweg ist bei präterminalen Zuständen (Todesangst, Dyspnoe) indiziert. Da Piritramid international kaum verwendet wird führt dies zu einem substantiellen Mangel an wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere im Vergleich zu Morphin. Somit muss man feststellen, dass die Bevorzugung von Piritramid oder Morphin dem einzelnen Arzt obliegt.
Nalbuphin
Nalbuphin ist ein Opioid (Potenz ggü Morphin: ~ 0,5-0,7), welches antagonistisch an µ- und agonistisch an κ-Rezeptoren wirkt. Obwohl die atemdepressive Potenz laut Hersteller derjenigen von Morphin entspricht, ergibt sich durch den µ-Antagonismus ein Ceiling-Effekt für die Atemdepression, das bedeutet ab einem gewissen Dosisbereich (ab 0,3 mg/kg) führt eine weitere Nalbuphin-Gabe zwar zu stärkerer Analgesie, aber die Atemdepression wird nicht mehr verstärkt. Das Wirkmuster bedingt eine Dysphorie, weshalb Nalbuphin nicht als Suchtmittel zählt und daher auch keine besonders verschlossene Lagerung benötigt. Bei erwartbaren stärksten Schmerzen ist Nalbuphin subideal, weil es durch seine antagonistische Wirkung µ-Agonisten beeinträchtigt.
Ich verabreiche zur Analgesie üblicherweise 0,1 mg/kg i.v. (Erwachsener: 5-10 mg) und titriere mich nach Bedarf in 5 mg Schritten bis zur gewünschten Schmerzfreiheit. Neben der Atemdepression kommt es im höheren Dosisbereich zu einer ausgeprägten Sedierung. Ein weiterer Indikationsbereich ist eine durch intraoperative Opioide verursachte Apnoe im Rahmen der Narkoseausleitung (Link, Link). Im Gegensatz zu Naloxon hebt Nalbuphin die atemdepressive Wirkung (µ-Antagonismus), aber nicht die Schmerzstillung auf (κ-Agonismus), sodass die Extubation ermöglicht wird. Bei einem Opioid-Notfall hingegen ist Naloxon der Vorzug zu geben, da es akut lebensrettend ist.
In der Behandlung des Opioid-induzierten Pruritus (z.B. intrathekale Gabe von Opioiden im Rahmen einer Spinalanästhesie bei Sectio) ist i.v. Nalbuphin gegenüber Naloxon überlegen. An Kinder kann es im Notfall auch intranasal verabreicht werden (0,4 mg/kg), siehe diesbezüglich unseren Beitrag. Bei kleinen operativen Eingriffen mit geringer Schmerzintensität und Durchführung in Vollnarkose (z.B. Lithotripsie, TURB/TURP, Curettage, Hysteroskopie, Wundnaht im Nasen- oder Mundbereich bei Kindern) nutze ich Nalbuphin auch als Einleitungsopioid (meist Single Shot von 10-20 mg i.v. bzw. Kinder 0,2-0,3 mg/kg i.v.) für das Airwaymanagements und die intra-/postoperative Analgesie. Weiters nutze ich es bei schmerzhaften OPs, welche mit Block versorgt sind, aber in Narkose erfolgen (z.B. Knöchelverplattung mit Ischiadicus- und Saphenusblock in Vollnarkose mit Larynxmaske). Hier kann der Patient nämlich während der OP spontan mitatmen.